Berlin, das neue Silicon Valley in Europa – Hat Berlin eine Chance?

Mythos Silicon Valley - Jetzt auch in Berlin? Bild-Quelle: Eigens FotoDie aktuelle Diskussion in Spiegel, FAZ & Co und das T3N Interview mit Lars Hinrichs, Gründer von Xing und HackFwd, haben mich dazu veranlasst darüber nachzudenken, ob Berlin eine reelle Chance hat sich als neues Silicon Valley in Europa zu positionieren.

Auf den ersten Blick gibt es sicher einige Punkte die für Berlin sprechen, aber auch so einige die eine andere Sprache sprechen. Aus diesem Grund habe ich daher mal Pro und Contra Argumente zusammengetragen und auch einen Blick in die Internet Startup-Szene in Deutschland geworfen. Es wird sich zeigen, ob Berlin als neues Silicon Allee taugt.

Definiere Silicon Valley

Ursprunglich als wissenschaftliche Einrichtung der Stanford University gedacht, siedelten sich in den 60er und 70er Jahren zahlreiche Technologie-Unternehmen
im Gebiet südlich von San Fransisco an. Einige der bekanntesten Technologie-Unternehmen der Erde wie Adobe, Apple, eBay, Google, Facebook, HP, Intel oder Oracle haben ihren Usprung in diesem legendären Gebiet. Zahlreiche global agierende Blue Chips wie 3com, IBM, Infineon, SAP, Siemens oder Sony sind ebenfalls mit Niederlassungen im Silicon Valley vertreten. Die Einwohnerzahl beträgt 2,3 Millionen (Berlin 3,5) und die Fläche 4.000 km2 (Berlin 892 km2 ). Der Umsatz 2009 lag bei in € 180Mrd. (Bruttoinlandsprodukt Berlin 94,72 Mrd. EUR.)
Quelle: Vgl. Wikipedia.de

Silicon Valley – Argumente Pro Berlin 

  • Gute Infrastruktur
  • Gute Lage zentral in Europa mit besonderem Potential Richtung Osteuropa
  • Günstige Mieten
  • Guter Nachwuchs durch eine hervorragende Hochschullandschaft
  • Günstige Personalkosten im Vergleich zu Hamburg, München, Stuttgart, London oder Paris
  • coole Stadt mit Hip-Faktor
  • starker Kreativsektor (Design, Mode, Musik)
  • guter Callcenter-Standort
  • symbolträchtige Geschichte
  • ab 2012 endlich auch mit internationalem Flughafen (BBI)
  • Nähe zu Politik, Verbänden und anderen Meinungsbildnern

Etablierte Player: Daily Deail (jetzt Google), eBay Deutschland (inkl. Brands4Friends), Expedia Deutschland, Groupon Germany, Immobilien Scout 24, Medienhaus Springer, Mirapodo, Mytoys, Rocket Internet, Zalando, Zanox
Ausgewählte Startups: Amen, 6wunderkinder, Billpay, Bonusbox, iVersity, CodingPeople, Discounto, KaufDa, Pidoco, Planio, Searchmetrics, Soundcloud (Zweigstelle), Readmill, Studdex

Silicon Valley – Argumente Contra Berlin 

  • Fehlende globale BigPlayer mit Deutschlandzentrale in Berlin wie Amazon, Google, Facebook, IBM, SAP, Adobe, Otto oder United Internet, die sich an Startups beteiligen oder neue Ideen unterstützen
  • Wirkliche Bigplayer, die in Berlin gegründet wurden und sich nicht nur national durchgesetzt haben, fehlen ebenfalls. Bis auf Zalando.de und einige Copyclones mit erfolgreichem Exit, wie etwa Brands4Friends, Groupon (ehemals Citydeal), oder DailyDeal sehe ich da lange nichts. Am ehesten wäre hier vielleicht noch Zanox zu nennen. Auch im E-Commerce Lager sieht es gar nicht so gut aus wie immer behauptet. Unter den Top10 der deutschen Onlineshops findet sich kein einziger Händler aus Berlin. Immerhin, wenigstens Zalando ist auf dem besten Wege sich hier zu etablieren (Das Handelsblatt listet Zalando.de im Januar 2011 immerhin schon auf Platz 7 der größten Onlineshops nach Besucherzahlen)
  • Bekannte Agenturplayer meiden Berlin (von den Top10 Internetagenturen im iBusiness-Ranking haben lediglich 3 Agenturen einen Standort in Berlin)
  • Englisch, denn mit Deutsch alleine erschließt man nur Deutschland, geht es aber um „ think global“ hat besonders London auf Grund der Sprache einfach bessere Voraussetzungen
  • Die Venture Capital Szene in Deutschland ist immer noch sehr schwach ausgeprägt, auch wenn uns Lars Hinrichs etwas anderes sagen möchte, Mehr dazu auf gruenderszene.de
  • Deutsche Mentalität des Sicherheitsdenkens etwas zu wagen (ist in anderen führenden deutschen Industriezweigen weniger ausgeprägt, aber in IT&Internet weiterhin gültig)
  • Bürokratische Hürden: kompliziertes Datenschutzrecht, sehr aufwendige Bürokratie in Deutschland, vom Steuerrecht ganz zu schweigen, ausgedehnte Arbeitnehmerrechte
  • Fehlende E-Commerce, Onlinemarketing- und IT-Messen & Kongresse (finden eigentlich alle, bis auf den kleinen SES-Ableger & die Next Conference, nicht in Berlin statt), die führende Position in Europa nimmt hier ganz klar London ein

Wie schneiden Hamburg, München & der Rest der Republik im Vergleich ab?

Hamburg:

Etablierte Player: Otto, Facebook, Google, Xing, Qype, Immonet
Ausgewählte Startups: Yieldkit, Sparbon, Cashbits, Airbnb (deutscher Ableger), ElitePartner, My Taxi und siehe da auch Hackfwd, der Venture Capital Fond von Gründer Lars Hinrichs sitzt in Hamburg. Die Frage sei gestellt, warum nicht in Berlin?

München:

Etablierte Player: Amazon, Affilinet, Weltbild, Shirtinator, Mydays, Holtzbrinck Digital
Ausgewählte Startups: Lokalisten, Swoodoo, Clipdealer, IntelliAd

Weitere Top-IT- und Internet Unternehmen in Deutschland:

IBM Deutschland: Stuttgart
Intershop: Jena
Microsoft Deutschland: Hamburg
SAP: Walldorf
Software AG: Darmstadt
Oxid eSales: Freiburg
United Internet: Montabaur
Unister Gruppe: Leipzig
Web.de: Karlsruhe
Noch ein Hinweis für Unternehmen die ich an dieser Stelle nicht erwähnt habe. Ich möge Sie Bitten mir das nicht nachzutragen, denn es sind rein zufällig ausgewählte Unternehmen. 

Was bleibt also übrig von Lars Hinrichs Berliner Traum eines europäischen Silicon Valleys?

Wenn man sich die Argumente, als auch die Fakten genauer betrachtet, bleibt gar nicht mehr so viel übrig, von Hinrichs Vorstellung, dass Berlin auf dem besten Weg ist, sich als europäisches Silicon Valley zu etablieren. Keine Frage, es gibt in Berlin einige interessante Startups, auch mehr als in anderen deutschen Städten, aber auch Hamburg und München brauchen sich hier nicht zu verstecken. Beide Städte kommen zusammen auf nicht mal die gleiche Einwohnerzahl wie Berlin (3,1 Millionen vs. 3.5 Millionen) und dennoch verzeichnet Gründerszene.de in der Summe mehr Startups in beiden Städten, als in Berlin.

Allerdings habe ich das Gefühl, dass die spannendsten und am meisten diskutierten deutschen Startups wie Zalando, Searchmetrics, 6Wunderkinder, Amen oder iVersity aus Berlin kommen. Auch im Exitbereich konnte Berlin in letzter Zeit mit Übernahmen von Brands4Friends, Dailydeal , Citydeal oder KaufDa sehr gut Punkten. Das Bild bei den European Tech Startup Awards, die vergangene Woche am 17.11 vergeben wurden ist allerdings auch wieder etwas enttäuschend. Insgesamt gab es es lediglich 20 Teilnehmer aus dem deutschsprachigen Raum, wobei immerhin 6 aus Berlin kommen. Die bereits genannten Startups 6wunderkinder, Zalando, iVersity und Readmill schafften es immerhin zu einer Nominierung. Mit Amen konnte dann auch ein wirklich interessantes Startup, das im Vorfeld schon über sich reden machte, den begehrten Award in der Kategorie Mobile nach Berlin holen. Dennoch, vor dem Hintergrund, das es 21 verschiedene Kategorien gab, ist das natürlich mehr als enttäuschend. Der große Gewinner der Awards war London, aber auch der skandinavische Raum konnte gut punkten. Ich stelle daher mal die Gegenthese auf, das London das neue Silicon Valley in Europa ist.

Im Vergleich zu London, wo zahlreiche Global Player ihre Firmenzentrale aufgeschlagen haben, hat bis auf eBay kein einziger Global Player seine Deutschland- oder Europazentrale in Berlin aufgeschlagen. Gleiches gilt für die 10 größten deutschen Onlineshops, wo kein einziger in Berlin beheimatet ist, auch wenn Zalando auf dem besten Weg ist, sich in den Top10 zu platzieren. Auch hier liegt London im englischsprachigen Raum ganz weit vorne. Bei den Agenturen sieht das Bild ebenfalls nicht rosig aus. Kein einziger Kandidat aus der iBusiness Top10 hat seinen Agentur-Hauptsitz in Berlin. Lediglich 3 Unternehmen haben einen Standort in Berlin. Alle anderen sitzen über die ganze Republik verteilt. Im Gegensatz dazu sitzt nahezu jede renommierte und internationale tätige Agentur in London.

Meiner Einschätzung nach ist die Verteilung der Unternehmen auf ganz Deutschland ein typisches Bild im föderal ausgerichteten Deutschland, wo es hervorragende Infrastrukturbedingungen in allen Bundesländern gibt. In Frankreich oder England konzentriert sich eben deutlich mehr in der jeweiligen Hauptstadt. Das sich ein Big-Player in Manchester oder Bordeaux niederlässt ist eher unwahrscheinlich, mal von den zahlreichen Call-Centern und einigen Departments vieler IT-Unternehmen in Irland (z.B. Apple) abgesehen, die eine Ausnahme im englischsprachigen Raum bilden.

Genug geredet, hat Berlin dennoch eine Chance?

Berlin bringt einige gute Voraussetzungen mit und ist grundsätzlich nicht schlecht aufgestellt. Im deutschsprachigen Raum etabliert sich die Stadt immer mehr als Gründerzentrum für Internetstartups. Dagegen sieht es im  europäischen Blickwinkel nicht so gut aus. Hier kann London deutlich besser punkten.

Ich denke Berlin kann sich neben London und Paris sehr gut in den Top3 platzieren. Einige interessante Startups sind vielversprechend und lassen auch auf mehr hoffen. Der ganz große internationale Durchbruch – wenigstens innerhalb von Europa – ist aber noch keinem einzigen Berliner Unternehmen gelungen. Auch fehlen die Big-Player vor Ort. Von einem europäischen Silicon Valley zu sprechen halte ich unter diesen Umständen für schlicht nicht gegeben. Auch wenn der Mythos Silicon Valley in den USA an Strahlkraft verliert, ist es nach wie vor eine ganz andere Dimension, von der Berlin Lichtjahre entfernt ist.

Dennoch würde ich mir als Berliner Jung natürlich wünschen, wenn sich Berlin als kleiner Ableger des legendären Silicon Valley positioniert. Abschließend sei eines anzumerken: Träumen muss erlaubt sein, denn das ist der perfekte Nährboden für neue kreative Ideen. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja in 10 Jahren das eine oder andere Berliner Leuchtturm-Unternehmen, das es zu internationalem Ansehen geschafft hat. Ich drücke die Daumen.

Wenn Ihnen der Artikel gefällt würde ich mich freuen, wenn Sie einen Kommentar hinterlassen oder meinen RSS-Feed abonnieren.

Über Henryk

Henryk Lippert beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit E-Commerce, Online Marketing, Multichannel, Internationalisierung & Usability. Dabei konnte er ein umfassendes Wissen aufbauen. Henryk Lippert lebt in London und arbeitet hauptsächlich in England und Deutschland.

, , ,

4

4 Kommentare zu Berlin, das neue Silicon Valley in Europa – Hat Berlin eine Chance?

  1. Tom A. 21/11/2011 at 16:45 #

    Guter Beitrag. Berlin wird zwar kein Silicon Valley, aber Berlin macht sich schon mal nicht so schlecht. Die Stadt braucht solche Branchen, dann geht es vorwärts.

  2. Katja Flinzner 06/12/2011 at 21:35 #

    Interessante Frage, aber ich persönlich glaube nicht, dass es überhaupt noch einmal ein “Silicon Valley” irgendwo geben wird.

    Zu Zeiten von E-Mail, Skype & Co. ist es letzten Endes ziemlich egal, wo ein Unternehmen sitzt – es kann auch in Pusemuckel sitzen, wenn es sich von dort aus intelligent mit Kunden & Partnern vernetzt.

    Ich selber habe Kunden, die drei Straßen weiter sitzen ebenso wie Kunden aus München, Frankreich oder Spanien – mit allen kommuniziere ich letzten Endes via E-Mail. Und auch in Sachen Kooperation ist der Regionalvorteil marginal: die Zusammenarbeit mit einer Agentur, die 30 km von mir entfernt sitzt, funktioniert auch nicht viel anders als die mit einem Programmierer in New York – nur dass ich dort je nach Uhrzeit aufgrund der Zeitverschiebung manchmal ein paar Stunden auf eine Antwort warten muss… :-) (kann bei einer Agentur um die Ecke aber auch passieren :-) ).

    Deshalb würde ich mal die Hypothese aufstellen, dass die Struktur gerade der eCommerce- und Webbranche sich dermaßen selbst “globalisiert” hat, dass eine Entwicklung wie im Silicon Valley sich nicht wiederholen wird, egal wo…

    Mal abgesehen davon halte ich einige der in Deinem Blogeintrag genannten Aspekte für tatsächliche Killerkriterien in Bezug auf Deutschland: z.B. das genannte Sicherheitsdenken und sicherlich auch die Sprachenfrage, denn ohne entsprechende Fremdsprachenkenntnisse (maßgeblich Englisch) funktioniert natürlich auch die globale Zusammenarbeit nicht.

  3. Henryk 07/12/2011 at 03:54 #

    Ein zweites Silicon Valley wird es in der Tat so schnell nicht geben. Wie auch in Zeiten der Internationalisierung und zunehmenden Vernetzung.

    Onlineshops können im Rahmen der zunehmenden Vernetzung natürlich besonders von den Stärken des Internets profitieren, schließlich sind sie ja schon in dem Segment tätig :) .

    Bzgl. den Killerkriterien gebe ich dir absolut Recht. Nichts gegen Datenschutz & Co, das ist wichtig und ich bin ein Freund davon, aber in Deutschland ist die Diskussion manchmal schon ziemlich aberwitzig. Wenn ich schon sehe, dass Heise.de sich Gedanken bzgl. Twitter-Buttons macht (Vor-Aktivierung), dann braucht man sich nicht wundern, dass es zu viele Hürden gibt, um ein deutsches Unternehmen aus dem Internetbereich mal in die Weltelite zu führen. Aber, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt ;) .

Trackbacks/Pingbacks

  1. Berlin das neue Silicon Valley « Claudi(d)a(y)'s Blog - 04/12/2012

    [...] Es gibt aber auch kritische Stimmen, wie in diesem Blog. [...]

Hinterlasse eine Antwort